Samstag, 25. März 2017

|Rezension| "The Hate U Give" von Angie Thomas

The Hate U Give | Angie Thomas | Balzer + Bray | Englisch | Hardcover | ca. 10€ | Kaufen?
  
Sixteen-year-old Starr Carter moves between two worlds: the poor neighborhood where she lives and the fancy suburban prep school she attends. The uneasy balance between these worlds is shattered when Starr witnesses the fatal shooting of her childhood best friend, Khalil, at the hands of a police officer. Khalil was unarmed.

Soon afterward, Khalil’s death is a national headline. Some are calling him a thug, maybe even a drug dealer and a gangbanger. Starr’s best friend at school suggests he may have had it coming. When it becomes clear the police have little interest in investigating the incident, protesters take to the streets and Starr’s neighborhood becomes a war zone. What everyone wants to know is: What really went down that night? And the only person alive who can answer that is Starr.

But what Starr does—or does not—say could destroy her community. It could also endanger her life.

 

White Privilege - Macklemore ft. Ryan Lewis

Muss ich noch was sagen?

 
Ich weiß nicht so wirklich, wie ich diese Rezension beginnen soll. Diese Rezension zu einem Buch, das momentan in allen Medien umgeht, über das überall gesprochen wird und zu dem ich so viel zu sagen habe, aber gleichzeitig auch still bleiben möchte, weil ich das Gefühl habe, dass es nicht an mir ist, dieses Buch zu rezensieren. Denn wo ich einerseits die Notwendigkeit sehe, dieses Buch zu bewerben, möglichst vielen Menschen ans Herz zu legen und noch mehr Leser für dieses unglaublich wichtige Werk zu begeistern, sehe ich andererseits die Schwierigkeit, dieses Buch als weißes, privilegiertes Mädchen zu bewerten. Es fühlt sich an als wäre es nicht an mir, dieses Buch zu bewerten, und trotzdem kann nicht anders, als meine Gedanken zu diesem Buch in dieser Rezension niederzuschreiben. Damit meine Stimme aber nicht lauter klingt als die von PoC, die dieses Buch bewertet haben, möchte ich euch am Ende meiner Rezension 3 großartige Rezension von PoC vorstellen.


Dieses Buch ist buchstäblich aus der #BlackLivesMatter Bewegung hervorgegangen, geschrieben von einer WoC erzählt es die Geschichte von Starr Carter, einem dunkelhäutigen Mädchen, die miterlebt, wie ihr dunkelhäutiger bester Freund von einem weißen Polizisten erschossen wird.













Wie rezensiere ich ein Buch, welches mich so sehr emotional mitgenommen hat, mich unglaublich berührt hat, mich so sehr zum nachdenken gebracht hat, aber welches ich niemals in seinem vollem Umstand verstehen werde? Das ich niemals werde komplett nachvollziehen können? Wie bewerte ich die Charaktere, die Authentizität der Geschichte, woher soll ich wissen, wie überspitzt beziehungsweise wie realistische die dargestellten Dinge tatsächlich sind? Trotzdem möchte ich versuche, meine Gedanken zu diesem Buch runterzuschreiben, um euch vielleicht, wenn ihr es nicht sowieso schon vorhabt, zu überzeugen, warum ihr dieses Buch unbedingt lesen sollte. Denn dieses Buch, diese Geschichte, ist in mehr als einer Hinsicht unendlich relevant, unendlich wichtig.


Sie ist wichtig, weil sie diverse ist. Sie erzählt eine Geschichte aus der Perspektive einer WoC und ist zudem noch #ownvoices, geschrieben von einer WoC, die bekannt ist für ihre brutal ehrlichen und provozierenden Texte. Sie erweitert das Standardisierte Bild von einem Amerika, in dem es dominant weiße Personen gibt. Stattdessen fährt Thomas mit einer Vielzahl von verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf, wobei sie ihr natürlich vor allem über die afro-amerikanische Bevölkerung schreibt, aber auch zum Beispiel mit Maya, welche Chinese-American ist, eine weitere Minderheit in den USA eine Stimme gibt und sie in die Geschichte aufnimmt. 


Sie ist wichtig, weil sie so verdammt ehrlich ist. Dieses Buch hat mein Bild von den USA derart vergrößert, teilweise ganz schön auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Es hat mich wirklich schockiert, welches einseitige Bild ich teilweise von Amerika hatte, ein Bild, welches vor allem durch ausschließlich „weiße“ Jugendbücher geformt wurde, welche es leider immer noch vordergründig gibt. Warum hatte ich noch nie von „Ghettos“ wie Garden Heights gehört? Von „Gangbanging“ in Amerika? Weil ich weiß bin und das, was ich bisher gelesen habe, auch vordergründig weiß war. Und das hat mich geschockt. Umso wichtiger empfinde ich dieses Buch, welches, wie es perpetualpages nennt, „unapologetically black“ ist. Denn hier geht es genau darum: Um black culture, um das, was dunkelhäutige Teenager in Amerika bewegt, die Herausforderungen, die sie im täglichen Leben meistern müssen, die Ungerechtigkeit, die in Amerika herrscht, wenn es um verschiedene „Rassen“ geht. Um den alltäglichen Rassismus, der selbst aus den eigenen Freundeskreisen nicht wegzudenken ist. Ich liebe es, wie dieses Buch wirklich durch und durch davon lebt, dass es „black“ ist, dass es Starr und ihrer Familie und Freunden eine Stimme, dass es ihr Leben in den Vordergrund stellt, ihre Träume und Ängste und Herausforderungen thematisiert und einen Einblick in das Amerika liefert, dass eben nicht „white“ ist. Eine Geschichte, in der der weiße Junge mal nur ein Nebencharakter ist, während Starr die Protagonistin ist. Starr, die Jordans liebt, ihrem Vater mehr oder minder begeistert im eigenen Laden hilft, die ein hoffnungsloser Harry Potter Nerd ist. Starr, die mit Schüssen und Hass und täglichem Rassismus aufgewachsen ist und im Alter von 16 Jahren schon zwei ihrer besten Freunde sterben sehen hat. 


Denn deswegen ist das Buch so brennend aktuell, so relevant, so schmerzlich brutal. Denn der zentrale Handlungspunkt der Geschichte ist der Aspekt, der über die Black Lives Matter Bewegung spricht. Eine Bewegung, welche auf Black Twitter startet, aber seitdem so unglaublich gewachsen ist und sich für Gerechtigkeit in Amerika einsetzt. Dieses große Wort, Gerechtigkeit, findet auch in diesem Buch großen Anklang. Ich will nicht lügen, dass Buch ist verdammt hart, brutal ehrlich und scheut nicht davor zurück, den Leser immer wieder all diese Ungerechtigkeit vor Augen zu führen. Was dabei aber am allermeistens schmerzt, ist die Tatsache, dass es sich eben nicht um Fiktion handelt, sondern um knallharte Realität. Dort drüben in den USA gibt es so schrecklich viele Starrs, die ihren besten Freund, Vater oder Mutter, ihre Geschwister oder Nachbarn haben sterben sehen, durch systematischen Rassismus, hasserfüllte Gangs und so viele durch die Pistole eines weißen Polizisten. All diese Themen werden in dem Buch angesprochen, ergründet und aufgedrosselt, werden in provozierenden Sätzen und zum nachdenken anregendes Szenen den Leser vorgeführt und man kann gar nicht anders, als permanent kopfschüttelnd, bis ins Mark bewegt und fassungslos vor dem Buch zu sitzen. Und Stück für Stück vielleicht ein kleines bisschen zu nachzuvollziehen, wie es sein muss, als dunkelhäutiger Amerikaner in Amerika zu selben, auch, wenn man weiß, dass man es niemals verstehen wird, einfach, weil man niemals diese Ungerechtigkeit, diesen Hass und diesen Rassismus wird erleben müssen. Und das nur, weil man weiß ist. 


Das Buch nimmt uns also mit in ein Amerika, das fernab von dem American Dream lebt, ein Amerika, welches aber so viel authentisch, wenn auch so viel abscheulicher erscheint. Es nimmt uns mit auf eine Geschichte, die wir im wahren Leben schon so oft verfolgt haben, aber eben meistens nur über Hashtags oder undifferenzierte Nachrichtenmittlung, Geschichten, die Namen wie Michael Brown enthalten. Aber wenn man dieses Buch liest, wird einem klar, dass man nicht wegsehen kann und darf. Dass wir alle eine Verantwortung haben, eine Stimmung, die gehört werden muss. Wir alle kreieren mit all unseren Handlungen, all unseren Worten diese Welt, in der wir lesen, diese Gesellschaft, in welcher wir Tag für Tag unser Leben verbringen. Denn was dieses Buch wirklich so wichtig macht, ist, dass es eigentlich nicht nur um Amerika geht. Es geht nicht nur um diesen einen Mord, der in diesem Buch beschrieben wird. Es geht um so viel mehr. Denn egal, wohin man schaut: Überall befinden sich Rechtspopulistische Bewegungen im Aufschwung, Rassismus und Sexismus und Ableismus existieren überall auf der Welt, genährt von all den Worten, die wir nicht aussprechen und den Dingen, die wir nicht tun. 


Und das ist die Sache, die dieses Buch wirklich so wichtig macht: Es fordert dich auf, zu handeln. Jeden Einzelnen von uns. Es fordert und auf, unsere Stimme zu nutzen, denn unsere Worte sind Waffen, mit denen wir mehr erreichen können, als Panzer und Maschinengewehre es je haben. Es fordert uns auf, uns für Gerechtigkeit und Liebe einzusetzen, wenn Rassismus und Hass unsere Welt dominieren, fordert uns auf, mutig zu sein, wenn es gebraucht wird. In diesem Sinne hat das Buch mir nicht nur einige unglaublich wichtige Perspektiven eröffnet und meinen Horizont erweitert, es hat mich auch unglaublich viel über systematischen Rassismus und Gerechtigkeit gelehrt, darüber, wie relevant und brandaktuell diese Themen sind und wie Vielfältig ihre Auslegungen und Gefahren. Es hat mich aber vor allem gelehrt, dass jeder Einzelne von uns etwas dagegen tun kann. Das man zuhören sollte, um zu verstehen. Dass man laut werden sollte, wenn man mit Stille nichts ausrichten kann. Das Gerechtigkeit und Verständnis und Chancengleichheit nicht etwas ist, was man predigen sollte, sondern etwas, was man leben sollte.

In diesem Sinne hoffe ich, dass diese Rezension nicht zu durcheinander war und vor allem angemessen. Ich habe davon abgesehen, über die Story und die Charaktere zu schreiben, denn das ist etwas, was ich als „Weißbrot“ nicht bewerten kann und möchte. Was ich aber sagen kann, sagen muss, ist, wie unglaublich wichtig die Geschichte ist. Wie brandaktuell und relevant und vielschichtig dieses Buch ist. Auf wie viel es einen aufmerksam macht und wie sehr es einen zum nachdenken und, noch viel wichtiger, zum Handeln anregt. Ich weiß nicht genau, wie viele verschiedene Gefühle während des Lesens mein Herz gefärbt haben, wie viele Tränen ich vergossen und wie oft ich fassungslos auf die Seiten gestarrt haben. Aber ich weiß, dass dieses Buch auf so vielen Ebenen einfach nur emotional war, gerade, weil es so brutal ehrlich ist. Wenn ihr also etwas lesen wollt, was diverse ist, einen Mehrwert hat und in so vielerlei Hinsicht einfach nur wichtig ist, dann lest dieses Buch, informiert euch über die Black Lives Matter Bewegung und findet den Mut für das Einzustehen, was richtig und wichtig ist. Denn der erste Schritt ist nachdenken, der zweite Handeln. Und für diesen grandiosen Denk- und zugleich Handlungsanstoß danke ich Angie Thomas von Herzen. Definitiv eins meiner Jahreshighlights, ich vergebe 5 Sterne.


 

Kommentare:

  1. Wunderschöne und ausführliche Rezi :) Es freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat. Ich will es auch noch lesen, habe mich bis jetzt allerdings noch nicht heran getraut.

    LG Melie
    http://melanies-buecherwelt.blogspot.co.at/

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  2. Sehr schöne Rezension. Mir geht es genau wie dir, praktisch alle Bücher die ich über die USA gelesen hab, handeln von weißen Charakteren, die ein völlig anderes Leben führen als Starr. Ich war auch extrem schockiert von Garden Heights und dachte nur "nein! So ist das doch nicht wirklich, oder?!" weil es für mich in meiner Situation so unvorstellbar ist, dass Menschen so leben und es für sie völlig alltäglich ist, sich mitten am Tag vor Schüssen ducken zu müssen.
    Ich finde das Buch auch gerade deshalb so wichtig und hoffe, dass es dazu beiträgt, einen Weg zu ebnen, für mehr Geschichten wie diese.

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    1. Oh und was die Rezensionen von PoC angeht, habe ich die übersehen oder werden die noch nachgetragen? Das würde mich nämlich auch sehr interessieren!

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  3. Deine Rezension ist soooo wundervoll geworden! Und ich bin jetzt noch gespannter auf das Buch, du weißt ja das es noch bei mir daheim liegt :D!

    LG Piglet ♥

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  4. Eine wirklich schöne Rezension liebe Kücki! Ich höre gerade das Hörbuch dazu und kann dir bisher nur zustimmen. Ein unheimlich mitreißendes Thema und sehr mitfühlend geschrieben. Bin sehr gespannt, wie es weitergeht!

    Liebe Grüße
    Tina

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